GRACE – Mein Leben Teil II

 

Autorin: Mirijam Grace Palma
*27. März 1957 in Wilhelmshaven – † Mai 2015 in München
Autobiografie

Mirijam Grace Palma beschreibt in ihrer Autobiografie den zweiten Teil ihres Lebens ab Anfang der 90er Jahre bis kurz vor ihrem Tod 2014.

Kapitel 13 ist das erste Kapitel des GRACE – Mein Leben Teil II

Dieser Tag kurz vor dem Beginn der Adventszeit des Jahres 1992, an dem ich morgens auf dem Frankfurter Hauptbahnhof stand, um in den Zug nach Mannheim einzusteigen – ich trug einen Mantel und darunter einen dreiviertellangen, vielleicht eine Spur zu „ethnisch“ wirkenden, türkisfarbenen Baumwollrock, und in der Hand hielt ich eine Reisetasche mit Dingen, die man so braucht, wenn man für längere Zeit ins Krankenhaus geht – dieser Tag also, markierte das definitive Ende meines bisherigen Lebens. Doch genau so endgültig das war, was dieser Gang praktisch besiegelte, so bewusst war ich mir dessen auch, und nichts in der Welt hätte mich damals – oder, wenn es heute wäre, hätte mich jetzt – in meinem Entschluss, es zu tun, abhalten können.
Ich spreche natürlich von meinem Leben als ein, zumindest nach außen hin, mehr oder weniger einem männlich defniertem Gesellschafts-Bild entsprechenden Wesen – was sich wiederum genauso kompliziert anhört, wie es sich anfühlt. Und das einzige, was ich damals mit Gewissheit wusste, falls ich den Eingriff überhaupt überleben würde – die Chancen dafür, dass man den Versuch, seinen Körper in Bezug auf die äußeren Merkmale von dem einen in das andere Geschlecht umwandeln zu lassen, mit dem Leben bezahlt, sind relativ hoch – das einzige also, was ich an jenem Novembermorgen wusste, war, dass mein Leben, sobald ich wieder meinen Fuß auf einen der Bahnsteige setzen sollte, ein vollkommen anderes sein würde.
Die Veränderungen, die dieser Schritt, der übrigens der einzig richtige war, den ich gehen konnte, bewirkte, waren sogar größer und nachhaltiger, als ich mir das zu diesem Zeitpunkt vorzustellen in der Lage gewesen bin – womit ich sagen will, dass mir durchaus klar war, dass ich sozusagen in unbekanntes Gewässer sprang. Und wie ich heute bestätigen kann, lag ich mit dieser Ahnung alles andere als falsch. Es war sogar so, dass die Veränderungen, denen ich bald darauf ausgesetzt war, und vor allem, die sich aufgrund der sich daran anschließen den Entwicklung im Laufe der Jahre ergaben, von niemandem und am allerwenigsten von mir, auch nur ansatzweise erahnt werden konnten. Wobei ich hinzufügen muss, dass dies gut so war. Und zwar nicht, weil ich dann womöglich davor zurückgeschreckt wäre – wie gesagt: nichts und niemand hätte mich glücklicherweise davon abbringen können – sondern weil es überhaupt grundsätzlich das einzig Gute ist, nichts im Voraus zu wissen.
Ich kann allerdings sagen, dass das, was ich einmal die innere Verwandlung nennen möchte, bereits schon Monate vorher vollzogen worden war. Dabei hatten natürlich die hochdosierten weiblichen Hormone, die ich jeden Monat in Form von Estradiol, das aus dem Urin trächtiger Stuten gewonnen wurde, gespritzt bekam, und deren Wirkung auf das endokrine System naturgemäß recht stark war, zweifellos ihr Übriges getan. Aber das war nicht das Einzige, das die Revolution in meinem Körper bewirkte. Zumal ich damals damit begann, mich für spirituelle Energien zu öffnen, und ich mich etwa zur Reiki-Heilerin ausbilden ließ. Darüber hinaus hatte mir jemand etwas von Sai Babas Asche geschenkt. Und es hatte nur ein paar Partikelchen davon gebraucht, um sämtliche Chakren in mir aufzureißen. Es war sogar so, dass jeden Abend zu einer bestimmten Zeit, ohne dass ich irgendetwas getan hätte, meine Wirbelsäule zu glühen begann. So als würde meine Kundalini-Energie erwachen.
Am Tag vor meiner Fahrt nach Mannheim fand ich noch Zeit, eine Yoga-Reinigung durchzuführen. Außerdem hatte ich versucht, alles aus meinem bisherigen Leben in Liebe loszulassen. Dabei waren durch jene Begegnung mit mir selbst, wo sozusagen die Kontrolle an den weiblichen Teil in mir übergeben worden war, bereits die Weichen für den Wechsel gestellt worden. So konnte man sagen, dass die chirurgische Angleichung, wie es „politisch korrekt“ heißt, nur noch eine reine Formsache war – wobei diese „Formsache“, vom medizinisch-chirurgischen Standpunkt aus betrachtet, natürlich eine hochkomplizierte Angelegenheit bezeichnet, bei der alles Mögliche schief gehen konnte. Und was wiederum jedes Mal schlichtweg für diejenige eine Katastrophe bedeutet hätte. Glücklicherweise war mir zuvor etwas von einer Selbsthilfegruppe zu Ohren gekommen, bei denen sich sogenannte „Betroffene“ trafen, um sich gegenseitig Erfahrungsberichte zu liefern. Und vor allem, wo einem aus mehr oder weniger berufenem Munde allerlei hilfreiche Ratschläge gegeben wurden, etwa wie das ganze Prozedere zu bewerkstelligen war. Und wo mir Gott sei Dank ein bestimmtes Buch in die Hände fiel. Es war von einem deutschen Chirurgen verfasst worden, der selber zu Recht als die Kapazität auf diesem Gebiet gilt. Und dies wiederum, weil er nicht nur eine Vielzahl von entsprechenden Operationen mit durch die Bank hervorragenden Ergebnissen aufzuweisen hatte – sowohl die Fotos, die in seinem Buch veröffentlicht worden waren, als auch die ärztlichen Erfahrungsberichte sprachen für sich – sondern der darüber hinaus Korrekturen von Eingriffen vornahm, die andere Chirurgen, etwa in Thailand oder England oder irgendwo im Ostblock zu verantworten hatten. Und die mitunter Ergebnisse ablieferten, bei denen einem geradezu schlecht werden konnte – ich erspare meinen Leserinnen und Lesern hier lieber die Einzelheiten – und wohingegen die Arbeiten von Professor Dr. Eicher, so der Name meines Wunderdoktors, tatsächlich als echte Kunstwerke anzusehen waren.
Das Konzept, nach dem Prof. Eicher diese Wunder vollbrachte, beruhten auf der Idee, dass es immer das gleiche menschliche Gewebe ist, also, um mit den Worten der Stimme meines Herzens zu sprechen, dieselbe neqewah, die sich mal so und mal so ausbildet, je nach dem zugrundeliegenden Programm. Und was eben auch bedeutet, dass alles, was sinnlich oder gefühlsmäßig durch die entsprechenden Körper-Sensoren erfasst wird, und ebenso alles, was von einem selbst in Form von Empfndungen wahrgenommen werden kann, durch eine sehr spezielle Form der Gewebe-Modellage gestaltet wird. Doch die Erwartungen an diese Körper-Realität optisch weitgehend zu erfüllen, ist nur eine Hälfte. Darüber hinaus legt der Meister wert darauf, dass das Nervengewebe intakt bleibt, so dass die neu gebildete Anatomie im Gefühlskörper ihre Entsprechung findet. Mit einem Wort: Das, was die Eichersche Arbeit auszeichnete, war genau das, was nicht zuletzt ich immer gepredigt habe, nämlich Ganzheitlichkeit. Und weswegen sein Motto, dass er nicht Gott ins Handwerk pfuschen, sondern allenfalls, wie das Ärzte ja laut Hippokratischem Eide im Grunde immer tun oder zumindest tun sollten, sein Werk lediglich der Vollendung zuführen würde… dass dieses, sein Motto alles andere, als vermessen erscheint.
Nachdem der erste Klinik-Tag mit den entsprechenden Vorbereitungen ausgefüllt war – Vorbereitungen, die, was das Loslassen nicht zuletzt in physischer Hinsicht angeht, sprich: was die vollständige Darmentleerung betrifft, noch bis in die späte Nacht andauerte und in der Tat an die Nauli-Praxis der Hathayoga-Tradition erinnerte – nachdem also der Aufnahme-Tag mit der üblichen Routine irgendwann kurz vor Mitternacht zu Ende geführt werden konnte, war mein Date mit dem alles entscheidenden Messer für den nächsten Vormittag vorgesehen. Und was wiederum einen neuen Rekord bedeutet haben dürfte, wonach die meisten, die sich für die OP anmeldeten, in der Regel zwischen sechs und vierundzwanzig Monaten auf ihren Termin warten mussten, während ich mich bereits drei Monate nach meinem ersten Vorsprechen bei Prof. Eicher quasi unter seine Hände begeben durfte. Wobei die Tatsache, dass es sich bei dem Krankenhaus um eine katholische Einrichtung handelte, dem Ganzen, wie ich fand, noch einen bestimmten Touch verlieh. So wie der Eingriff und das, was danach passierte, für mich damals, die ich die ganze Zeit zweifellos in einem Zustand mystisch verklärter Euphorie schwebte, bisweilen geradezu religiöse Züge annahm. Ich weiß noch, dass ich aus Gründen der Infektionsvermeidung zehn Tage danach nichts essen durfte. Und da ich bereits den letzten Tag zuhause gefastet hatte und auch den Tag vor dem Eingriff nüchtern bleiben musste, war ich natürlich ziemlich ausgehungert. Aber trotzdem wohl nicht ausgehungert genug, als dass ich die AstronautenSuppen, die mir angeboten wurden, und die so scheußlich schmeckten, dass ich mich schon bei dem Geruch fast übergeben musste, nicht doch verweigert hätte. So kam es, dass ich insgesamt ziemlich genau drei Wochen lang keinen Bissen zu mir nahm, und außer Wasser, das ich trinken durfte und allen möglichen Infusionen – wobei sicher das meiste, was in mich hineingepumpt wurde, Antibiotika waren – nichts Stoffliches in mich drang. Hinzu kam noch, dass für mich, die ich die ganze Zeit wie eine Schildkröte auf dem Rücken lag, mich praktisch nicht bewegen durfte, während alle möglichen Schläuche aus mir herausführten, das Thema Toilette natürlich erst einmal von sich aus erledigt hatte. Und ich weiß noch, dass jener Tag, an dem ich mich endlich auf eine Kloschüssel setzen und pinkeln durfte, echte Begeisterungsströme in mir auslösten. Wobei der Grund für meine Euphorie vor allem auch darin begründet lag, dass der Strahl, der sich damit zum ersten Mal bildete, dies auf die richtige Weise tat. Und dass ich nicht jene Art von Fiasko erleben musste, wie es von manchen Neu-Frauen überliefert worden war, nachdem sie beispielsweise irgend welche englischen Ärzte in den Händen gehabt hatten. So dass die Bedauernswerten, die auf diese Weise an einer so wichtigen Stelle verunstaltet worden waren, den Rest ihres Lebens unter Inkontinenz in allen Formen litten. Da mich niemand besuchte – nur Coral war am vorletzten Tag meines fast dreiwöchigen Krankenhausaufenthaltes aufgetaucht, zusammen mit K., meiner damaligen Mitbewohnerin – da ich also mutterselenallein war, war ich den ganzen Tag, von den Schwestern, die sich natürlich um mich kümmerten und den Ärzten, die immer mal vorbeischauten einmal abgesehen, vollkommen auf mich gestellt. So lag ich wie eine ausgestopfte Weihnachtsgans im Bett meines Einzelzimmers, und das, womit ich mich, die ich trotz der Schmerzen, die gelegentlich auftraten, und trotz des Hungers, die ganze Zeit irgendwie euphorisiert war, am meisten beschäftigte, war zweifellos, dass ich versuchte, mich in meinen neuen Körper hineinzufühlen. Darüber hinaus fng ich an, alle möglichen Pläne zu schmieden. Dabei half es mir enorm, dass ich wie über Nacht ein vollkommen neues Ich-Gefühl mitbekommen hatte. Und das keineswegs nur auf körperliche und emotionale Wahrnehmungen beschränkt war, sondern das sich auch in Form recht vernünftiger Ideen bemerkbar machte. Nachdem ich so in der Abgeschiedenheit meines Einzelzimmers auf der gynäkologischen Station des Mannheimer Katharinen-Krankenhauses eine Woche in meiner neuen Selbstwirklichkeit verbracht hatte, kam der Tag des Verbandswechsels. Und an dem der Meister sein Ergebnis begutachten und mir sagen würde, ob man mich sozusagen auf die Menschheit loslassen könne. Oder ob es besser sei, wenn ich mich sozusagen im stillen Kämmerlein meiner selbst begnügte. Mir war jedoch von Anbeginn klar, dass ich selber meinen Körper in Augenschein nehmen würde, koste es was es wolle und ungeachtet des möglichen Ergebnisses. Also bat ich die Schwestern, mir einen Handspiegel zu geben, den ich unter der Decke verbarg, um ihn dann im geeigneten Moment hervorzuholen.
Ich muss sagen, dass jener besondere Moment, als ich – im wahrsten Sinne des Wortes – zum zweiten Mal entbunden wurde, sicher zu einem der intensivsten meines Lebens zählte. Und als ich, die ich das Gesicht des Professors natürlich genauestens beobachtete, wie er über seine Arbeit gebeugt, alles, mit dem Blick des Künstlers, einer genauesten Begutachtung unterzog… und als ich also jenen relativ nüchternen, in verhältnismäßig sachlichem Tonfall ausgesprochenen Satz vernahm, der seinem, wie ich natürlich registriert hatte, vollkommen befriedigt wirkenden Gesichtsausdruck in jeder Form entsprach. Und der vor allem über mein zukünftiges Leben bestimmen sollte. Auch wenn ich, wie gesagt, noch nicht einmal ahnte, was es damit auf sich haben würde. Der Satz lautete jedenfalls: „Ein ausgezeichnetes Ergebnis, zweifellos, ein ausgezeichnetes Ergebnis.“ Da ich ja aufgrund meiner Lektüre wusste, dass Professor Eicher ein Mann war, der nicht zuletzt in seiner Sprache, adäquat zu seiner Arbeit am OP-Tisch, sehr präzise zu Werke ging, der, wie er selbst sagte, „Gott nicht ins Handwerk pfuschte, sondern allenfalls ein wenig unterstützte“, und dadurch weder zu Gefühlsausbrüchen noch zu Überoder Untertreibungen neigte, wusste ich, dass er mit diesen kurzen Worten das denkbar beste Ergebnis beschrieben hatte. Und als er, der es normalerweise nicht gern sah, wenn seine Patientinnen zu früh einen Blick riskierten, mir sogar erlaubte, offziell einen Spiegel zu benutzen, und ich dann noch mit eigenen Augen sah, was von nun an Teil von mir war… da war alles, was mir noch an Traurigkeit, an Angst und Verzagtheit, an möglichen Zweifeln und versteckten Selbstvorwürfen das Leben in den letzten Tagen und Wochen schwergemacht hatte, wie weggeblasen: Die Tatsache, dass mein Job weg war, dass meine Mutter, an die ich einen sehr langen und sehr inniglichen Brief geschrieben hatte, weder darauf reagierte noch mich im Krankenhaus besuchen gekommen war, die Ungewissheit, wie es weiter gehen würde – alles das war in diesem Moment Schnee von gestern. Ich war nur noch ich selbst. Selbst wenn das, was ich da sah, noch in allen Regenbogenfarben prangte und mich, wegen der sorgfältig ausgeführten Nähte ringsum, ein wenig an Omas sauber umhäkelte Taschentücher erinnerte. Und auch, wenn es mir einigermaßen Schmerzen bereitete, weil ich an diesem Tag auf das Lokalanästhetikum verzichtet hatte. Und ich mich spüren wollte von Anbeginn.
Ich weiß noch, wie dieses Hochgefühl sogar noch einige Zeit anhielt. Sogar dann noch, als ich zuhause war, ich, noch einigermaßen abgeschirmt von der grauen Tristesse, zweimal am Tag ein Sitzbad mit Kamille nahm, ich Tag und Nacht jene Form tragen musste, damit der Körper sich an die neue Öffnung gewöhnte, und das Knochen-, Schleimhaut- und Muskelgewebe sich nicht wieder gemäß dem alten Programm zusammenzog. Und als ich Weihnachten und das anschließende Silvester allein in meinen vier Wänden verbrachte, von Schmerzen gepeinigt, während meine damalige Mitbewohnerin, zugedröhnt von Koks, nebenan mit dem Notarzt verhandelte, dass er sie von ihrem Turkey kurierte. Glücklicherweise hatte ich von der Firma eine kleine Abfindung bekommen, und sogar von der Privaten Krankenversicherung erhielt ich, auch wenn ich sie mir natürlich ab sofort nicht mehr leisten konnte, rückwirkend noch etwas Krankengeld und sogar Krankenhaus-Tagegeld, so dass ich sogar ein paar Wochen überleben konnte.
Nachdem mein Konto gesperrt war – ich war natürlich nicht mehr in der Lage, den inzwischen zu astronomischen Höhen angewachsenen Dispo-Kredit zu bedienen – und keine der Geld-Quellen mehr floss, blieb mir nichts anderes übrig, als mir einen Job zu suchen. Und da ich ja schon Erfahrungen hatte mit der Arbeit in Restaurant-Küchen, bewarb ich mich in einem bekannten Restaurant um die Ecke, dem Harveys, das für seine Bar, seinen BrunchService, sein Szene-Publikum und seine Konzerte bekannt war. Und das sich damals fest in schwul-lesbischer Hand befand – kurzum: ich war, auch wenn es sich bei meinen Kollegen in der Küche durchweg um Inder handelte, die prinzipiell „Singh“ hießen und mein Küchenchef Kurde war, mit Beziehungen zur PKK, durchweg von Menschen umgeben, die meinem Schicksal allesamt positiv gegenüber standen.
So dauerte es nicht lang, und ich hatte jede Menge neue Freunde – abgesehen davon, dass mir natürlich auch Coral und der mit ihr verbundene Freundeskreis Gott sei Dank damals erhalten blieb. Der einzige, der mich ablehnte, war Johannes, der Mann von Maria Christiana – und die ihren Salon lange schon längst aufzugeben gezwungen gewesen waren –, und der, nachdem er fatalerweise einen Schlaganfall erlitten hatte und zu einem Pflegefall geworden war – der Grund, warum sie eben auch nicht mehr Empfänge geben konnten –, an den Wochenenden abwechselnd von Coral und mir versorgt wurde. Und auch, wenn er aus seiner Antipathie für mein neues Ich keinen Hehl machte und diese Haltung nicht unbedingt dazu beitrug, mein Selbstwertgefühl zu verbessern, muss ich doch sagen, dass es just diese Erfahrung war, die mich viele Jahre später dazu befähigen sollte, meinen eigenen Mann entsprechend zu versorgen.
Doch zunächst stand erst einmal meine zweite OP im Raum. Zwar hatte – dank der Stuten – die Revolution in meinem Körper nicht zuletzt das Wachstum der Brüste angeregt und nahmen die Warzenvorhöfe auf den sich allmählich herausbildenden, sanft geschwungenen Erhebungen, und die in der Tat an die zaghafte Brustbildung eines pubertierenden Mädchens erinnerten, die Dimensionen derer von Schwangeren an: Allein, es war nicht genug. Das sah sogar mein Professor ein. Und der es ja, was das Eingreifen in Gottes Plan anging, sehr genau nahm.
So zog ich also ein weiteres Mal in die gynäkologische Klinik. Allerdings sollte diesmal alles ganz anders laufen: Die Kasse zahlte diesmal nicht, obwohl es sich um einen medizinisch notwendigen Eingriff handelte, und es sollte noch Monate dauern, bis sie wenigstens einen Teil übernehmen würde. Auch hatte ich diesmal kein Einzelzimmer, sondern musste mein Zimmer mit einer Neu-Frau teilen, die dort auf ihre erste OP wartete und alle verrückt machte. Außerdem ging es mir damals ziemlich schlecht, zumal meine Mitpatientin darauf bestand, dass das Fenster geschlossen bleiben sollte, und die Schwestern sie, da man mir als frisch Operierter natürlich einen erhöhten Sauerstoffbedarf zugestand, irgendwann auf den Flur verfrachteten. Und zuguterletzt litt ich die ganze Zeit über höllische Schmerzen. Aber das Ergebnis war dennoch perfekt.