GRACE – Mein Leben Teil I

Autorin: Mirijam Grace Palma
*27. März 1957 in Wilhelmshaven – † 4. Mai 2014 in München
Autobiografie

Mirijam Grace Palma beschreibt in ihrer Autobiografie den ersten Teil ihres Lebens als Volker Palma 1957 bis Anfang der 90er Jahre.

Kapitel 1 aus GRACE – Mein Leben Teil II

Über den Ort, in dem ich geboren bin, sagt man, dass er das Meer ins Herz geschlossen habe. Wobei jene Meeresbucht, auf die dieser Satz anspielt, und der den poetischen Namen „Jadebusen“ trägt, während der Zeit zwischen 12. und 15. Jahrhundert im Laufe mehrerer Sturmfluten entstanden ist, die das Rüstringer Land auseinanderrissen wie einen Kuchenteig. Und von denen es lange hieß, dass sie ein Gottesgericht darstellten, das über die Menschen hereingebrochen war, ob ihrer Sündhaftigkeit und der Tatsache, dass sie lange noch heidnischen Kulten gefrönt haben sollen. Darüber hinaus trägt jener Ort den Namen von deutschen Kaisern und Königen, von denen einer im Neunzehnten Jahrhundert die so entstandene Landzunge am Jadebusen befestigte und einige Hektar dem Meer abgerungenes Land zur Stadt erklärte. Der Grund war, dass dort die Schiffe der königlichen bzw. kaiserlichen Kriegsmarine gebaut wurden. Man wollte sich dadurch zunächst gegen räuberische Dänen und dann gegen die Engländer absichern – ein Ansinnen, das später noch auf allzu bekannte Weise ausarten sollte – wohingegen die Nazis alles dann ihrer ursprünglichen Bestimmung gemäß noch weiter ausbauten, und wodurch meine Heimat im Zweiten Weltkrieg zu einem Hauptangriffsziel englischer Bomberpiloten wurde, so dass man eigentlich von Glück sprechen kann, wenn meine Familie damals überhaupt überlebt hat.
Der Name jener Stadt also, die in meinem Ausweis als Geburtsort eingetragen ist, lautet „Wilhelmshaven“. Und das Wasser, mit dem ich im Frühjahr 1957 in der Kirche von Altengroden, in ein Taufkleidchen mit weißer Spitze und meerfarbenen Taft gehüllt, nach evangelischem Ritus getauft wurde, war Nordsee-Wasser.
Ich erwähne das alles deshalb, weil fast sämtliche meiner Verwandten in der Gegend westlich des Jadebusens geboren sind – ein anderer Teil stammt aus dem Fränkischen – und die Seefahrt, die Marine samt Hafen und Werften sowie der Krieg, der als der Zweite Weltkrieg bekannt ist, im Schicksal meiner Familie eine große Rolle spielen. So wie mein Leben und das meiner Kinder irgendwie noch davon geprägt ist. auch wenn ich, die ich erst zwölf Jahre nach Kriegsende das Licht dieser Welt erblickt habe, selbst nur die ersten Monate meines Lebens in meiner Geburtsstadt verbrachte, und zwar zunächst für kurze Zeit bei meinen Eltern in einer kleinen Wohnung in der Nähe des Kurparks, und dann bei meiner Großtante Hertha und ihrem Mann, Onkel Egon, in einer Werftarbeitersiedlung in Fedderwadergroden, mit Fenstern, so groß wie Schießscharten. Wohingegen meine Kinder – zumindest zwei davon – bisher allenfalls ein paar Urlaubswochen an der friesischen Küste verbracht haben.
Der Grund, warum also Wilhelmshaven eine nicht unbedeutende Rolle für mich spielt, ist weniger, weil ich dort geboren bin oder meine beiden Großväter vor und während des Krieges Angehörige der Marine waren oder doch im Dienst fürs Vaterland die englischen Bomber von den, damals überall im Marschland verstreuten Flak-Stellungen aus aufzuhalten versuchten: Damals, als zum Ende des Krieges immer häufiger vor allem Angriffe gegen Wohnsiedlungen geflogen wurden. Oder weil einige meiner Verwandten dort heute noch leben, genauer gesagt, mein Vater und zwei meiner Brüder. Die Bedeutung meiner Heimat liegt paradoxerweise jedoch darin für mich, dass meine Großmutter, Irmgard, zusammen mit ihren drei Kindern, also meiner Mutter, Ingrid, und ihren beiden jüngeren Brüdern, Walter-Wolfgang und Udo kurz vor Kriegsende von dort weggezogen war.
Das Ziel ihrer Flucht damals, war Sonneberg, die Spielzeugstadt im Thüringischen, die dann, als alles zu Ende ging, zunächst von den Amerikanern besetzt wurde, obwohl man sie jedoch bald darauf im Gegenzug für West-Berlin, den Russen übergab. Mein Großvater mütterlicherseits, Walter Leutheuser, stammte aus Sonneberg. Er war der jüngste von drei Söhnen eines ehemaligen Spielzeugfabrikanten, der jedoch sein Unternehmen und sein Vermögen durch Fehlspekulationen und andere Dinge verloren hatte. Aber immerhin war es meinem Großvater gelungen, trotz bitterer Armut, in der er infolgedessen aufwachsen musste, bei der Handelsmarine Karriere zu machen. Bis vor dem Krieg bekleidete er sogar die Stellung eines Oberbootsmannsmaats auf dem berühmten Vermessungsschiff Meteor, mit dem er einige Jahre lang die Weltmeere bereiste. Allerdings war mein Großvater, der als ein guter Seemann galt und von seinen Kameraden, wie ich weiß, hochgeschätzt wurde, nach der Machtergreifung gezwungen worden, die Marine zu verlassen. Der Grund war ein Verstoß gegen die Nürnberger Gesetze. Genauer gesagt, wurde ihm vorgeworfen, dass er Irmgard heiratete, meine spätere Großmutter, die inzwischen von ihm schwanger war. Und er heiratete sie, obwohl sie nach der verqueren Logik der Nazis als „Vierteljüdin“ galt – ihrer Mutter wiederum, meine Urgroßmutter, Wilhelmine Czaja geborene Helm, die jüdische Vorfahren besaß und aus Ostpreußen stammte, war das Schicksal der Deportation nur erspart geblieben, weil ein Bekannter der Familie damals seine Beziehungen spielen lassen konnte.
Ich selbst habe Wilhelmine noch erlebt, selbst wenn ich mich nicht mehr an sie erinnern kann. Und doch weiß ich, dass sie eine sehr liebe Frau gewesen sein muss. Sie hatte, nachdem sie noch kurz vor Ende des Krieges „total ausgebombt“ wurde, wie es im damaligen Sprachgebrauch hieß, ebenfalls Unterschlupf bei meinen fränkischen Urgroßeltern gefunden, war dann jedoch wieder nach Wilhelmshaven zurückgekehrt und starb schließlich in den 1970er Jahren hochbetagt in der Wohnung ihrer zweitältesten Tochter, Hertha, in der Kniprodestraße, dort, wo ich auch einige Monate zugebracht hatte.
Nachdem mein Großvater Walter aus der Marine entlassen worden war, hatte man ihn zur Wehrmacht eingezogen. Und von wo aus er dann tragischer Weise in russische Kriegsgefangenschaft geriet, ohne jedoch zuvor jemals an Kampfhandlungen oder gar Kriegsverbrechen gegen die Russen beteiligt gewesen zu sein. Diesen Umstand zu erwähnen, halte ich für wichtig, denn wegen dieser Gefangenschaft, die meinen Großvater prägte und fast sein Leben gekostet hatte, blieb die Familie nach dem Krieg dann in der SBZ, der späteren DDR. Als Walter schließlich um 1950 endlich aus Sibirien heimkehren konnte, hatte Irmgard inzwischen eine Lehrerausbildung absolviert und war daraufhin als Unterstufenlehrerin an der Dorfschule in Sonneberg-Hönbach in den „sozialistischen Schuldienst“ eingetreten.
Irmgards Anstellung als „Neulehrerin“, wie dies damals hieß, war natürlich wirtschaftlich gesehen, ein Segen für die Familie. Zumal Walter nach seiner Heimkehr als Kriegsverbrecher galt – völlig zu Unrecht, wie ich immer wieder betonen muss. Ich kann sogar sagen, dass mein Großvater mit dem Nazismus nie etwas am Hut gehabt hat und Zeit seines Lebens ein redlicher und ehrlicher Mensch gewesen ist, selbst wenn ich das eine zeitlang ganz anders gesehen habe, und ich ihm lange Zeit den Respekt verweigerte, der ihm gebührte.
Meine Mutter erzählte mir einmal eine Geschichte, nach der Walter während seiner Marinezeit mit einer ganz bestimmten Persönlichkeit ziemlich gut bekannt gewesen war, und er diese Beziehung sofort abbrach, als sich abzeichnete, dass besagte Person Karriere im NS-Staat machen würde – ich vermeide es, sie namentlich zu nennen, aber es handelte sich um eine der negativen Berühmtheiten jener Zeit.
Es gibt noch eine andere Anekdote, die meinen Großvater mütterlicherseits beschreibt: Als Irmgard ihren Mann später einmal bei einem Fronturlaub nach Mitbringseln fragte, gab er ihr kurz und bündig zur Antwort:
„Wenn Andere so etwas ihren Frauen mitbringen, dann ist das meist Kriegsbeute. Wenn ich dir etwas schenke, dann ist das ehrlich bezahlt.“
Kurzum: Mein Großvater litt sehr unter dem Kriegsverbrecher-Makel, und dass er dann in der DDR bis kurz vor seinem Tod als ungelernter Arbeiter für einen Hungerlohn zu arbeiten gezwungen war. Meine Großmutter hingegen genoss ihre Rolle als Autoritätsperson innerhalb des Systems der damals noch jungen DDR zunächst sehr. Allerdings war die Familie immer hin zum Westen orientiert und konsequent antikommunistisch eingestellt, selbst wenn man üblicherweise gerade dies nicht unbedingt nach außen zeigte. Es führte jedoch dazu, dass Irmgard irgendwann die Konsequenz zog und ihren Schuldienst vorzeitig quittierte – offiziell, weil sie dem Druck gesundheitlich nicht mehr standzuhalten vermochte. Wobei in erster Linie politische Repressalien gemeint waren, selbst wenn dabei vor allem sicher innerliche Konflikte eine Rolle spielten, die dadurch entstehen, wenn man etwas anderes sagt, als man denkt – Verhaltensmuster, die zweifellos noch aus der Nazi-Zeit stammten. Und von denen später nicht zuletzt meine Kindheit und Jugend und selbst noch ein Großteil meiner Zeit als junge Erwachsene geprägt waren.
Hinzu kam noch, dass meine Mutter als die Älteste unter den Geschwistern, mehr als ihre beiden Brüder unter den damaligen Umständen zu leiden hatte. Denn zwischen ihr und meiner Großmutter, die, selbst 1915 geboren, ihr Kind im November 1933, also mit Achtzehn, geboren hatte, bestand von Anbeginn ein schwieriges Verhältnis. Es beruhte auf einer (möglicherweise unbewussten) Ablehnung der eigenen Tochter, die bereits im Kindbett eingesetzt hatte. Meine Großmutter, die großen Wert auf das äußere Erscheinungsbild und gepflegte Umgangsformen legte, mäkelte oft an Ingrid wegen angeblicher Schönheitsfehler herum. Ich kann das insofern bestätigen, als dass Oma mich später selber aufgrund eines leichten Haltungsfehlers mit den gleichen Spottnamen aufzog.
Jedenfalls artete das Verhältnis zwischen Irmgard und Ingrid immer mehr in eine Konkurrenz zwischen beiden aus, wobei der aktive, wenn nicht sogar aggressive Part, wie ich leider sagen muss, ohne Frage bei meiner Großmutter lag. Als Höhepunkt dieses Mutter-Tochter-Konfliktes wurde mir ein Ereignis geschildert, das die Intensität der Auseinandersetzung ziemlich deutlich illustriert und gleichzeitig das Ursächliche, das irgendwo in einem weit zurückliegenden, zweifellos archaischen Geschehen liegen dürfte, zumindest erahnen lässt.
Meine Mutter berichtete also, wie sie einmal nachhause kam – sie musste ungefähr Achtzehn oder Neunzehn gewesen sein – und sie ihre Eltern, die sie offenbar erwarteten, in der Hönbacher Wohnung auf dem Sofa sitzend in Trauerkleidung vorfand. Meine Mutter fragte besorgt:
„Ist denn jemand gestorben?“
Meine Großmutter, elegant, wie sie sich üblicherweise kleidete, angetan mit einem schwarzen Schleier, wie sie damals wohl wieder in Mode waren, und, so meine Mutter, auf dem Sofa sich präsentierend „wie hingegossen“, antwortete:
„Ja, unsere Tochter ist gestorben!“
Für meine Mutter stand in dem Moment fest, dass ihr Vater eine uneheliche Tochter besaß – wie ich später erfuhr, gab es eine solche Tochter sogar, und zwar irgendwo in Norwegen oder Island, jedoch wurde darüber in meinem Beisein niemals gesprochen – und dass diese, meiner Mutter Halbschwester somit, offenbar plötzlich gestorben sei. Ingrid berichtete mir weiter – es handelte sich dabei übrigens um das einzige Mal, an dem wir beide offen über solche Dinge gesprochen haben, und zwar während unseres einzigen gemeinsamen Urlaubs in Griechenland, in dem Jahr, als ich aus der DDR ausgebürgert worden war – meine Mutter also berichtete mir an jenem Tag weiter, wie sie daraufhin sehr traurig wurde, und dass erst dann ihr Blick mehr zufällig in die Höhe glitt. Und wie sie dabei feststellen musste, dass das Foto von ihr, das immer gerahmt über dem besagten Sofa hing, mit einem Trauerflor aus Gaze umrandet worden war…
Wie sich herausstellte, hatten also meine Großeltern ihr eigenes Kind symbolisch sterben lassen. Und zwar, weil meine Mutter ein Verhältnis mit einem Zigeunerjungen hatte, einem gewissen Valentin Ziegler. Dabei muss es auch um das Thema „Abtreibung“ gegangen sein, denn mein Onkel Walter berichtete mir, wie einmal „aus Ingrids Zimmer eimerweise Blut“ herausgebracht worden war, und man ihm sagte, dass sie ihre Regel bekommen habe. Er sei jedoch damals schon alt genug gewesen, so dass im klar war, dass das nicht stimmen konnte.
Ich habe viele Jahre später einmal (2000) während einer Familienaufstellung nach Hellinger erfahren, dass auch Omas älteste Schwester offenbar abgetrieben hat. Oma stammte aus einem Drei-Mädel-Haus in der Wilhelmshavener Tonndeichstraße, wobei Hertha die Zweitälteste war und Winnie die Älteste. Und nachdem der Vater, Wilhelm Czaja, seine Frau und die Kinder aus mir unbekannten Gründen verlassen hatte (er war Schiffszimmermann und ohne seine Frau und seine drei Töchter nach Schweden ausgewandert, wo er wohl um das Jahr 1930 tödlich während eines Taucheinsatzes verunglückte), war es eben jene Tante Winnie gewesen, die Verantwortung übernahm indem sie „in Stellung“ ging. Und wo sie dann während ihrer Dienstmädchentätigkeit sehr wahrscheinlich schwanger geworden war und – dies kam zumindest während der Aufstellung heraus – in Folge der Abtreibung starb.
Besagte älteste Schwester, Winnie, war nämlich aus irgendeinem Grund vom Therapeuten 2000 mit aufgestellt worden, und das, was ihre Stellvertreterin während der Aufstellung durchmachte, lässt sich schwerlich anders interpretieren. Interessant ist dabei, dass die Unterleibsschmerzen, die jene Frau, die in Winnies Rolle schlüpfte, während der Sitzung auf sehr körperliche Weise erlitt, in dem Moment verschwunden waren, als ich ins Spiel kam. – Doch dazu später mehr. Nur so viel im Moment, dass vieles aus meinem Leben durch jenes Motiv erklärt wird. Und zwar so wie es offenbar in meiner Familie über Generationen immer schon aufgerufen worden ist, wobei das Opfer-Thema, insbesondere bezogen auf weibliche Familienmitglieder, offensichtlich eine besondere Rolle spielt, während die männlichen Familienmitglieder eher zur Flucht zu neigen scheinen. Meine Mutter hatte man jedenfalls Anfang der Fünfziger Jahre ob ihrer Beziehung zu Valentin in den Westen geschickt, man könnte genauso gut sagen: verbannt. Als solches hatte dies meine Mutter, die damals kaum Zwanzig gewesen sein dürfte, zumindest empfunden. Ganz abgesehen von den Gefahren, die zu jener Zeit mit einem illegalen Grenzübertritt über Berlin verbunden waren – Stichworte: Polizei und Geheimdienste, Schlepperbanden, Menschenhändlerringe usw. Dennoch schaffte sie es bis nach Wilhelmshaven, wo sie zunächst bei Tante Hertha untergekommen war, und wo sie schließlich ihrem zukünftigen Mann wieder begegnete: meinem Vater, Horst Palma, dem Sohn von Hannchen Backer, geschiedene Palma – mein Großvater väterlicherseits, Gustav Palma, seines Zeichens Matrose und im Zivilberuf Gärtner, hatte sich nämlich, nachdem er vom Krieg heimgekehrt war, und sein Weib in den Armen eines Anderen fand, sofort von ihr getrennt und war anschließend zusammen mit seinen beiden Töchtern nach Kanada ausgewandert. Genau: der Flucht-Instinkt, den wir bereits auf der mütterlichen Seite, nämlich bei Wilhelm Czaja erkennen konnten, wenngleich hier sicher andere Motive im Spiel waren.
Aber selbst bei meinem Großvater väterlicherseits endete die Flucht, die ja ein Übergang in die Neue Welt war, auf tragische Weise: Er starb in Kanada infolge eines Blitzschlages, und zwar während seiner Arbeit als Holzfäller. Hannchen und Irmgard waren damals, während Irmgards Wilhelmshavener Zeit, also von frühen Kindesbeinen an, Freundinnen gewesen. Die Freundschaft war so weit gegangen, dass meine eine Großmutter in spe meiner anderen, als die schwanger war, ihren Kinderwagen geschenkt hatte. So kam es, dass mein Vater, der am 11. August 1934 geboren wurde und damit einige Monate jünger ist als meine Mutter, die am 13. November 1933 auf die Welt kam, als Baby in dem gleichen Kinderwagen lag, wie seine spätere Frau. Allerdings dürfte die Zeit, in der beide dann Tisch und Bett miteinander teilten, alles in allem nur unwesentlich länger gewesen sein, als die Zeit, in der sie sozusagen einen Kinderwagen miteinander geteilt und vielleicht im Sandkasten zusammengespielt hatten: Will sagen, dass der Ehe, die wohl um 1956 vor Kirche und Standesamt in Wilhelmshaven geschlossen wurde, alles andere, als Dauer beschieden war.
Dies trifft zu, selbst wenn die Ehe zwischen meinen Eltern, also zwischen – laut Ehe-Urkunde – der Sekretärin Ingrid Marga Palma geborene Leutheuser, und dem Maler und Tapezierer, Horst Günther Palma, erst irgendwann in den frühen 1970er Jahren geschieden wurde. Danach trug meine Mutter für einige Zeit den Namen Fazekas. Sie war bereits, während sie von meinem Vater getrennt lebte, wieder berufstätig geworden und hatte auf der Arbeit im Büro einen Ungarn kennengelernt, den sie dann später, nachdem sie vergeblich versucht hatte, mich zurückzubekommen, geheiratet hat – doch dazu später mehr.
Die Ehe mit meinem Vater lässt sich jedenfalls, soweit ich das aufgrund dessen, was mir darüber von allen möglichen, sowohl direkt als auch indirekt Beteiligten berichtet worden ist, in drei Phasen aufteilen. Wobei die erste, möglicherweise sogar leidlich harmonisch verlaufende Phase, die mit der Heirat begann – und die, wie mir mein Vater noch vor Kurzem versicherte, zumindest aus seiner Sicht eine Liebesheirat war – bis spätestens zu dem Zeitpunkt anhielt, bis klar war, dass meine Mutter mit mir schwanger ging. Und worüber mein Vater, der nicht gerade als kinderlieb bekannt ist, sicher nicht wirklich begeistert war. Wobei die nun beginnende zweite Phase von meiner Mutter und von meinem Vater jeweils höchst unterschiedlich beschrieben worden ist: Nach meiner Mutter handelte es sich demnach um eine Zeit der Erniedrigung und körperlichen Misshandlungen, wobei mein Vater, um dem noch eins draufzusetzen, einmal auf den schwangeren Bauch seiner Frau getreten haben soll. Meine Mutter sprach sogar davon, dass Horst sie „unter Drogen gesetzt“ und „in eines dieser Häuser mit vielen Frauen“ gebracht hätte – eine Aussage, die jedoch kritisch bewertet werden muss, da mein Vater zwar bekanntermaßen immer mehrere Geliebte gleichzeitig hatte, jedoch niemals mit Prostituierten zu tun gehabt haben soll. Unbestritten ist jedenfalls, dass mein Vater, auch wenn er die eigene Gewalttätigkeit, die er gegenüber uns an den Tag gelegt hat, womöglich herunterspielt… dass mein Vater also zumindest insofern die Wahrheit sagt, wenn er diese Phase so beschreibt, dass meine Mutter in dieser Zeit sehr oft krank war – auch später würde sie immer wieder von einem chronischen Herz-Asthma befallen werden -, sie lange Wochen im Krankenhaus verbrachte, und mein Vater es derweil, ganz nach dem Motto: „Ich war schließlich jung“, vorzog, sich „anderweitig umzusehen“ – mit anderen Worten: Er war das, was man einen „Weiberheld“ nennt, neudeutsch: einen womanizer.
Fest steht darüber hinaus, dass diese zweite Phase dann schließlich damit endete, dass meine Mutter meinen Vater irgendwann vor die Tür setzte, und mein Vater daraufhin einen Selbstmordversuch unternahm, der, abgesehen davon, dass er glücklicherweise scheiterte, immerhin beweisen könnte, dass ihn die Trennung von meiner Mutter in der Tat erheblich zugesetzt haben muss. Zumal meine Mutter danach mit der Hilfe ihres Bruders, also mit Unterstützung von Onkel Walter, nach Frankfurt am Main gezogen war, und Horst etwas erleben musste, was er so wohl noch nie zuvor von einer Frau erfahren hatte und, soviel ich weiß, sogar später nur selten erfahren würde – nämlich dass eine Frau ihn verließ.
Was mich betrifft, war ich bereits bevor Phase Drei angebrochen war, in der beide getrennt lebten, von meinen Eltern getrennt worden. Und wenn ich es mir recht überlege, bin ich eigentlich sogar seit dem Tag, als ich am 27. März 1957 abends das Licht der Welt erblickte, nie wirklich in der Rolle als Kind meiner Eltern da gewesen.
Ich habe das Krankenhaus, das nach dem ersten Bremer Bischof, Sankt Willehad benannt ist, und der wohl im 8. Jahrhundert im Auftrag von Karl dem Großen, Sachsen und Friesen bekehrte, unlängst besucht. Der Ort meiner Niederkunft liegt im vierten Stock, einen Steinwurf vom Handelshafen und nur wenige Schritte von jener Moschee entfernt, die mich später dann, als ich mich in meiner Heimatstadt nach einer Bleibe umsehen würde, auf solch wundersame Weise empfangen sollte… doch alles zu seiner Zeit.
Jedenfalls war es damals so, dass mich meine Mutter unter Schmerzen geboren hat, so wie ich wohl nicht so ohne weiteres aus dem Leib meiner Mutter herauswollte, sie mich mit einer Zange herausziehen mussten und sich mir dabei die Nabelschnur um den Hals geschlungen hatte, so dass ich mich, während ich herausgezogen wurde, praktisch fast selbst strangulierte. Wobei das angewandte Verfahren nicht zuletzt für meine Mutter ein Kampf auf Leben und Tod bedeutete. Meine Großmutter hat mir später von alldem berichtet und mir bei dieser Gelegenheit erzählt, wie sie in der Nacht vor meiner Geburt träumte, wie ihr Kind, also Ingrid, dabei mit dem Tod rang. Und ich muss sagen, dass es nicht zuletzt ihrer außerordentlich plastischen Darstellung des Sensemanns zu verdanken war, dass dieses schaurige Traumbild zum Leitmotiv meiner Kindheit geriet, und ich jahrelang jede Nacht von dem unheimlichen Gast besucht wurde.
Wie gesagt: Ich war von Anbeginn mit einem Sowohl-als-auch- oder auch Keines-von-beidem-Status ausgerüstet und damit eigentlich, wenn ich’s mir recht überlege, nie wirklich existent, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Obwohl ich, eheliches Kind, eben kein „Zigeunerkind“ geworden bin – es würde mich nicht im Geringsten stören, nebenbei bemerkt -, Krieg und Flüchtlingsströme bereits schon Jahre vor meiner Geburt ihr Ende gefunden hatten und ich darüber hinaus in einem westlichen Land geboren wurde, als Kind deutscher Eltern mit deutscher Staatsangehörigkeit – wobei gerade dieser Umstand wiederum, wie wir später noch sehen werden, an meiner eigentlichen Nicht-Existenz in einem nicht ganz unerheblichen Maß beteiligt ist.
Aber allein, wenn ich aufzählen sollte, wo ich die ersten Erden-Wochen und Monate verbrachte, bekäme ich ein Problem: Und zwar ganz einfach, weil ich es nicht genau weiß. Und weil mir, sobald ich diesbezüglich nachfragte, immer nur vage Angaben gemacht werden konnten, wobei verschiedene Örtlichkeiten, wie etwa ein Kinderheim, im Gespräch waren, als auch Personen genannt wurden, deren Identität unklar ist. Lediglich die Tatsache, dass ich eine gewisse Zeit in der elterlichen Wohnung in der Bentickstraße zubrachte, scheint außer Frage zu stehen. Dann kam noch ein sogenanntes „Behelfsheim“ der katholischen Kirche ins Spiel, und das in der Bremer Straße lag, gleich neben der Willehad-Kirche und, wie gesagt, Nahe dem Kurpark.
Zuvor hatte dort, in der Wohnung am Park wie ich inzwischen weiß, die Mutter von Daddys Stiefvater gewohnt. Und die damals gerade verstorben war – übrigens besaß jener Stiefvater (sein Name war Karl Backer), einen Fischkutter, und auf dem ich mindestens einmal als kleines Kind war (es gibt sogar ein Foto!). Onkel Manni, Vaters jüngerer Bruder, hatte nach dessen Tod die Fischerei von Karl übernommen, und übt sie heute noch aus. – Übrigens: Ich habe Onkel Manni, der mit seinem kleinen Krabbenkutter das ganze Jahr über, zumindest solange kein Frost ist, am Nassau-Kai mit seinem Fang anlegt bzw. dort die übrige Zeit auf Reede liegt, schon mehrfach an seiner Anlegestelle besucht. Und es gibt keinen Wilhelmshavener, der nicht weiß, wer Onkel Manni ist und es versäumt, gelegentlich bei ihm Krabben zu kaufen, so beliebt ist dieser freundliche Mann. Während sein Mitbewerber, der neben ihm festmacht, in der Regel leer ausgeht. Hinzu kommt, dass Onkel Manni manchmal sogar noch aus seinen Beifang das Meeresaquarium und das Wattenmuseum beliefert – kurzum: Mein Onkel ist jemand, den man in Wilhelmshaven kennt, und aus einem seltsamen Grund scheint er sich meiner sogar nicht einmal zu schämen.
Aber wir waren noch bei der Zeit, als die kleine Familie, die sie für kurze Zeit war, in der Bremer Straße wohnte. Und wovon ich noch jenes eine Foto her kenne, wo meine Mutter mit mir im Bast-Kinderwagen zusammen mit meinem Vater vor dem Springbrunnen-Teich mit den Enten und Schwänen steht, und wir alle nach bestem Vermögen ins Bild schauen: Ich selber noch zu tief im frühkindlichen Residuum, als das ich fähig gewesen wäre, bereits irgendetwas bewusst wahrzunehmen. Und was meine Eltern anbelangt, schaute meine Mutter mit dem ihr eigenen, wie verhangen wirkenden, irgendwie abwesenden oder auch traurigen Blick, mein Vater dagegen, wie immer trotzig unter seiner Tolle.
Fest steht zum anderen, dass ich bis August 1958 in Fedderwadergroden in besagtem Haus mit den Fensterschlitzen gewohnt habe. Und dass ich von dort aus von Tante Hertha in einen Zug verfrachtet worden bin, der mich schließlich über Gerstungen nach Bebra brachte, wo mich am Grenzübergang von der BRD nach der DDR – ein Moment, der ebenfalls in einem Foto verewigt wurde – meine Großmutter, Irmgard, aus Herthas Armen in Empfang nahm, um mich mit sich nach Sonneberg in Thüringen zu nehmen.
Bevor wir zu jener Zeit kommen, in der ich von da an das durchaus zweifelhafte Vergnügen hatte, im „Real Existierenden Sozialismus auf deutschem Boden“ aufzuwachsen, zur Schule zu gehen, mir durch eine Falle, die mir gestellt worden war, die DDR-Staatsbürgerschaft einzuhandeln – um dann dort wie alle anderen zu leben und zu arbeiten, und um schließlich und letztlich irgendwann wieder aus der DDR ausgebürgert zu werden -, möchte ich noch zwei wichtige Punkte erwähnen. Der erste Punkt betrifft zunächst einmal meinen Vater, über dessen Blutlinie wir, im Gegensatz zu der meiner Mutter, bis auf die Geschichte mit Gustav Palma, noch nicht viel gesprochen haben.
Wie der Name schon erkennen lässt, stammen wir von Spaniern ab: allesamt Seeleuten, die sich zwischen dem Sechzehnten und dem Achtzehnten Jahrhundert in der Gegend von Ems und Jade angesiegelt haben. Einige sagen sogar, dass unter meinen Vorfahren Piraten gewesen waren. Falls das wahr sein sollte, dürfte bezüglich Familien-Karma noch einiges seiner Erlösung harren – von der „deutschen Frage“ ganz zu schweigen. Doch glaube ich eher, dass es sich bei den Palmas um einfache Auswanderer handelte, die der iberischen Halbinsel den Rücken zugekehrt hatten, um ihr Glück hier im Norden zu suchen.
Der andere Punkt betrifft meine Geschwister, wobei es sich in meinem Fall durch die Bank immer um sogenannte Halbbrüder bzw. Halbschwestern handelt, weil ich das einzige Kind aus der Ehe von Horst und Ingrid bin. Allerdings war Horst bereits vor meiner Mutter mit einigen Frauen zusammen gewesen, die von ihm schwanger wurden, und das erste Kind, welches aus einer dieser früheren Beziehungen hervorging, ist mein Bruder Wolfgang B. – das „Halb-“ lasse ich schon aus Prinzip weg.
Wolfgang wurde im Jahr 1954 geboren und lebt bis heute in Wilhelmshaven. Er hat ein gutes Verhältnis zu seiner Mutter und inzwischen auch zu seinem Stiefvater – ich habe beide einmal kennengelernt und weiß, dass dieses gute Verhältnis zu seinem Stiefvater nicht immer so war. Wolfgang hat selbst zwei erwachsene Kinder: einen Sohn, der inzwischen Leutnant zur See ist und bezeichnenderweise vor der somalischen Küste Piraten jagt, sowie eine Tochter, die Kauffrau geworden ist, und die sich jedoch im Gegensatz zu ihrem Bruder, der sich einer kleinen Tochter erfreut, diesbezüglich noch bedeckt hält.
Was meine ältere Schwester Christa angeht, lag die Geschichte sogar um einiges komplizierter. Mein Vater hatte damals beschlossen, die Gegend zu verlassen – die einen sagen, weil er drohenden Unterhaltsforderungen entkommen wollte, die anderen, weil es in der Küstenregion keine Arbeit gab. Mein Opa war sogar der Meinung, dass mein Vater ein verkappter Kommunist gewesen sei und deswegen abhauen musste. Jedenfalls ging er nach Berlin, von wo aus er dann – so lautet zumindest Daddys Variante der Geschichte – ein Angebot angenommen hatte, im Osten zu arbeiten, genauer gesagt in Stalinstadt, heute Eisenhüttenstadt. Dort lernte mein Vater drei Frauen kennen: drei Schwestern, wovon er einer die Ehe versprach, die andere mit ihm ging und die dritte schwanger von ihm wurde. Als die beiden Älteren spitz kriegten, dass die Jüngste von meinem Vater ein Kind erwartete, setzten sie Daddy mächtig unter Druck. Und diesmal trat er zur Abwechslung den Rückzug in entgegengesetzter Richtung an, also von Ost nach West – um geradewegs in die Arme meiner Mutter zu treiben.
Meine Schwester Christa, die daraufhin zur Welt kam, legte dann ungefähr zu der Zeit, als ich in die DDR verschickt wurde, zusammen mit ihrer Mutter den umgekehrten Weg zurück: Richtung Westen.
Und das ist Christas Geschichte: Sie landete zunächst in West-Berlin, wo sie sich dann, weil ihre Mutter nicht wirklich etwas mit ihr anfangen konnte, und nachdem sie ebenfalls einige Stationen durchgereicht worden war, in einem katholischen Kinderheim wiederfand. Ich habe sie vor einigen Jahren in NRW besucht, wo sie inzwischen lebt, und wo sie mir von den Misshandlungen durch die Schwestern dort erzählt hat. Von ihren drei Söhnen sind zwei bereits aus dem Haus, einer studiert Sportlehrer in Köln, einer hat einen Handwerksberuf und der dritte hat, auch wenn er ein Junge mit viel Herz ist, einige Lernschwierigkeiten und wird wohl noch geraume Zeit auf die Hilfe der Mutter angewiesen sein.
>Christa war verheiratet, und nachdem, was ich inzwischen weiß, führte sie mit ihrem Mann damals, in den 1970er Jahren, genau jenes Leben, wie ich es mir damals immer irgendwie ausgemalt habe: Mit Kind und Kegel im ausgebauten VW-Bus durch Europa touren, mit anderen Hippies am Lagerfeuer sitzen, Rockmusik hören, Gitarre spielen, Gras rauchen und solche Dinge. Allerdings gab es wohl leider auch einige Schattenseiten innerhalb dieser Ehe, und sie wurde irgendwann geschieden. Und dann passierte etwas Furchtbares: Mein Schwager stürzte mit seinem Flugzeug ab. Er war nämlich Sportpilot und gerade dabei, zusammen mit einem anderen Hobby-Flieger – einem Pfarrer – einen seiner Routineflüge zu absolvieren, als die Maschine aus ungeklärter Ursache heraus ins Trudeln kam und so auf ausgesprochen tragische Weise meine drei Neffen zu Waisen machte.
Ich bin dann das dritte Kind meines Vaters. Nach mir kamen noch eine Tochter, die von ihrer Mutter, Irmchen, zur Adoption freigegeben worden war, und die wir bislang noch nicht aufspüren konnten, sowie Olaf, der ebenfalls verheiratet ist und zwei Kinder hat. Inge, seine Mutter und Vaters zweite Ex-Frau, und die nur unwesentlich älter ist, als ich, ist diejenige, die es am längsten mit Daddy ausgehalten hat und dafür jetzt das Haus besitzt – eine Fügung, die ich ihr aus tiefstem Herzen gönne. Zumal sie ja auch Daddy, der inzwischen mit einer neuen Frau die Hälfte des Jahres in Spanien lebt, ausbezahlt hat, wobei von dem Geld sehr wahrscheinlich nichts mehr übrig sein dürfte – was ich ebenfalls voll und ganz in Ordnung finde. Wohingegen über Inge, die eine sehr liebe und ruhige Frau ist, noch zu sagen wäre, dass sie die ewigen Eskapaden unseres Daddys mit stoischer Gelassenheit über all die Jahre ertrug, so dass es nur recht und billig ist, wenn sie jetzt einigermaßen angenehm leben kann. – Es erübrigt sich fast zu erwähnen, dass wir uns wunderbar verstehen. So wie ich übrigens inzwischen auch zu Wolfgang und Olaf und natürlich zu meiner Schwester Christa ein gutes Verhältnis habe, selbst wenn wir uns selten sehen und insbesondere meine Beziehung zu meiner Schwester im Moment etwas eingeschlafen zu sein scheint – eine Entwicklung, die wohl nicht ungewöhnlich ist bei Geschwistern, die sich erst im Alter kennengelernt haben.
Nachdem die Ehe meiner Mutter mit dem Ungarn geschieden worden war, war sie die Ehe mit einem Griechen eingegangen, einem Ingenieur und orthodoxen Laienpriester, der aus einer gutbetuchten Athener Familie stammt. Seinen Namen, Oikonomides, trägt meine Mutter heute noch. Dies, obwohl sie inzwischen ebenfalls von ihm geschieden worden ist und ihr Ex-Mann wieder in Griechenland lebt, wahrscheinlich in dem Haus, das sie damals erbauten, als wir gemeinsam dort unseren Urlaub verbrachten, an der Küste bei Ouropos.
Aus der Ehe mit dem Griechen gingen zwei Söhne hervor: Udo-Peter und Konstantin – wobei der ältere von beiden, der 1969 geboren wurde, Architektur studierte. Er lebt inzwischen mit Frau und Kindern in Coburg nahe Sonneberg, wo er in einem Architektenbüro arbeitet, während der jüngere, der in etwa gleichaltrig ist mit meiner ältesten Tochter, Christina, soviel ich weiß, zusammen mit seiner finnischen Frau in Skandinavien lebt. Wir haben uns jedoch seit vielen Jahren nicht mehr gesehen.
Die Tatsache, dass ich zu meinen beiden halbgriechischen Brüdern keinen Kontakt habe, ist übrigens meiner Mutter zu verdanken. Und zumindest, als ich dieses Buch im Jahr 2011 zu schreiben begann, begründete ich es noch damit, dass sie in der Vorstellung lebt, dass ich nicht existieren würde – da haben wir es wieder! -, und dass sie diese Vorstellung auf ihre beiden Söhne überträgt. Weswegen mich meine Mutter regelmäßig, sobald ich versuchte, irgendwie in ihr Blickfeld zu geraten – etwas, was in den letzten zwanzig Jahren exakt zweimal vorgekommen ist – ignoriert hat und mir dann ohne weiteres zu Verstehen gab, dass ich verrückt sein müsse, sie anzusprechen. So wie ich es bei unserer letzten Begegnung im Sommer 2010 in Nürnberg getan habe. Und aus ihrer Sicht hat sie sogar recht, wenn sie mich als verrückt bezeichnet.
Kurz gesagt: In diesem Text geht es, wie inzwischen klar geworden sein dürfte, darum, meine nicht gerade alltägliche Lebensgeschichte zu erzählen. Wobei ich sicher den wenigsten meiner Leser erklären muss, dass natürlich gewisse karmische Strukturen ihren Einfluss ausgeübt haben, wenn ich unter diesen Umständen auf die Welt gekommen bin. Und zwar, um, wie wir alle, bestimmte Erfahrungen zu machen. Allerdings hatte ich bisher nie ernsthaft daran gedacht, die meinigen zu Lebzeiten zu veröffentlichen. Vor allem im Hinblick auf einige hier geschilderte Fakten, die man besser nicht an die große Glocke hängen sollte. Obwohl das, was mir widerfahren ist, auch wieder manchem, der seinem Leben, wie verstrickt es womöglich zu sein scheint, einen spirituellen Sinn geben möchte, durchaus helfen kann: zeigt es doch, dass wir unter allen denkbaren Umständen aufgerufen sind, die eigene innere Wahrheit zu realisieren. So war die erste Intention zu dieser Arbeit der Wunsch, mit Gott in einen schonungslos offenen Dialog zu treten – was natürlich bedeutete, dass ich bei meiner Arbeit am Text bis zum Ende in die Wahrheit gehen musste, um schließlich ALLES in Liebe aufzulösen.
Ich will wirklich nichts und niemanden für mein Schicksal verantwortlich machen, außer mich selbst – wobei für sich selbst Verantwortung übernehmen nicht mit Sich-an-allem-die-Schuld-Geben verwechselt werden darf. Überhaupt geht es nicht darum, irgendeine Kritik an jemanden auszusprechen oder mich hinter bestimmten Umständen zu verstecken, wie sie wiederum zwangsläufig andere Personen zu verantworten haben. Vielmehr soll hier einfach alles, was es zu sagen gibt, ohne Wertung „zu Papier“ gebracht werden. Und zwar, um es am Ende Gott zu übergeben, es in Liebe aufzulösen. Egal, was es ist.

(ungekürzter Kapitel 1 aus dem ersten Teil des Buches Grace)

Ausschnitte:

„Diese düsteren Traum-Inhalte, die mich, solange ich denken kann, heimsuchten, waren sehr wahrscheinlich jene Gestaltungen der Verdrängung, mit denen wir uns wohl bereits seit Generationen abgeben, denn sowohl meine Oma berichtete mir von diesen Erfahrungen, als auch später dann meine Töchter, einige meiner Enkelkinder mit eingeschlossen. Was mich betrifft, kamen die Dämonen praktisch jede Nacht aus der Familiengruft, um mich mit ihrer Anwesenheit zu beglücken. Und das, wonach sie verlangten, war ich selbst. Doch weniger mein Fleisch und mein Blut, als mein Geist und meine Seele.“

„Ich befinde mich vor einer Runde von Männern und Frauen – ich würde heute sagen, dass es sich um Personen handelte, die übernatürliche Fähigkeiten besitzen – und die mich interessiert anblicken. Ich sage zu ihnen, dass ich gern ein Mädchen wäre. Darauf lachen sie und einer von den Männern zeigt mir einen Gegenstand, der aussieht wie eine Röhre. Ich müsse, wenn dies wahr werden solle, hindurch kriechen, sagt er. Ich versuche es, aber es gelingt mir nicht.“

„Und selbst, wenn Musikschule,  Privatunterricht, Trio-, Quartett- und Orchesterproben – ich war zeitweise in drei Orchestern gleichzeitig – mir kaum noch Freizeit ließen, muss ich doch sagen, dass die Entscheidung, ein Instrument zu erlernen, die beste meines damaligen jungen Lebens war. Und ich danke heute noch meinen Großeltern, dass sie mir das ermöglicht haben, und mir von Opas sauer verdientem Geld auch noch die privaten Geigenstunden bezahlten. “

„Als wir das erste Mal Sex haben wollten, ging alles schief. Ich weiß noch, wie Bärbel weinte, weil sie dachte, es läge an ihr. Aber ich war sicher, dass es an mir gelegen hatte. Wir wussten wohl beide nicht so recht, wie es geht. Abgesehen davon, dass ich eigentlich selber innerlich immer die Frau war, und ich mich also nicht so recht zu verhalten wusste. Doch wir trösteten uns damit, dass es sicher irgendwann klappen würde. Und dann kam dieses Weihnachten 1974, und wir durften das Schwesternzimmer von Karla über die Feiertage benutzen.“